Mittwoch, 18. März 2015

Wer ist was? Selbstfindung und Abgrenzungsversuche im Fintech-Sektor

Die Möglichkeiten des Internets der zweiten Generation machen eine unübersehbare Zahl von neuen Finanzdienstleistungen möglich. Information, Kommunikation und Transaktion liegen nur einen Mausklick voneinander entfernt. Die Entwicklung verläuft so rasant, dass sogar die Begriffe, die die einzelnen Tätigkeitsfelder beschreiben, noch in Bewegung sind.


Social oder nicht Social?

Bei der Zuordnung vieler Phänomene haben es selbst die Macher hinter den vielen Start-ups in der Fintech-Szene oft nicht leicht. Schmücke ich mich mit dem Label "Social" und folge damit dem Trend etwa im Trading-Bereich? Oder gehöre ich begrifflich in die Nähe der "Crowd"? Jedes Unternehmen kann derzeit fast noch frei wählen, welcher Gattung und "Untergattung" es angehören möchte. 

Dabei dient die bewusste Entscheidung für die eine oder andere begriffliche Schublade durchaus auch der Selbstfindung, und nicht zuletzt der Abgrenzung gegenüber Mitbewerbern.

Social Trading - Social Investing - Social Asset Management

In den Bereich des "Social Tradings" wurden in den vergangenen Jahren so unterschiedliche Ansätze wie die von Wikifolio, ayondo oder eToro subsummiert. Die "Social Features" sind dabei ganz unterschiedlich ausgeprägt. Während der Trader etwa bei eToro oder Wikifolio mit Klarnamen transparent ist, können ayondo-Top-Trader weitgehend anonym ihrer Leidenschaft nachgehen. "Soziales" Verhalten, also etwa die Kommunikation mit der Gefolgschaft, wird sogar bewusst erschwert. Bei eToro bestimmt die Zahl der Follower die Vergütung des Signalgebers, bei Wikifolio muss die "Crowd" darüber urteilen, welche Strategie als Zertifikat verbrieft wird.

United Signals schert - begrifflich  - aus

Mit dem Begriff des Social Trading hat sich der Frankfurter Anbieter United Signals von Anfang an eher schwer getan, auch wenn man die steigende Bekanntheit dieses Labels durchaus genutzt hat. Den Einfluss einer Community auf die Auswahl von Tradern und Strategien hat das Team um Gründer Daniel Schäfer aber nie als Teil des eigenen Ansatzes begriffen. Mit dem Begriff des "Social Asset Management" fühlt sich Schäfer nun wohler. Der damit verbundene Anspruch ist klar: Längerlebige, risikoadjustierte Strategien sollen vor allem Kundengruppen aus dem institutionellen Bereich schmackhaft gemacht werden. (s. auch das aktuelle Interview mit Forex Magnates)

Bergfürst: Ich schaffe mir einen eigenen Begriff

Noch grundlegender hat sich die Crowdinvesting-Plattform Bergfürst mit der eigenen Begrifflichkeit auseinandergesetzt. Gründer Guido Sandler hat bereits im vergangenen Jahr eine radikale Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" gefunden: Das Ergebnis ist ein ganz neuer Begriff: Sandler sieht seine Plattform nicht mehr als Crowdinvesting-Unternehmung sondern als Form des "Neo-Investing" (s. Interview) Die Abgrenzung wird auch sachlich begründet: Bergfürst schafft im Gegensatz zur Konkurrenz mit den "Börsengängen light" auf seiner Handelsplattform eine Art Eigenkapital. Damit soll die Tür für Investoren in die Unternehmen offen gehalten werden, deren Anteile auf der Bergfürst-Plattform gehandelt werden. 

Der Trend zum eigenen Begriff dürfte als Mittel der Abgrenzung durchaus noch anhalten. Zu unklar sind noch die Schnittmengen und Unterschiede der verschiedenen Geschäftsmodelle, zu schwer verständlich die Methoden und Ziele für Außenstehende. Die Eroberung von Marktanteilen kann daher durchaus mit der Besetzung neuer, leicht eingängiger Begrifflichkeiten einhergehen.  


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